redpill ein entblendungszusammenhangred-pill [ät] riseup.net

redpill
Konsequent inkonsequent

Zur Kritik an „Gegen linke Bewusstlosigkeit – für einen konsequenten Antifaschismus“

Die folgende Kritik am Text der autonomen antifa [f] soll den von ihnen angestoßenen (inner-linken) Diskurs begleiten und ist somit als Antwort zu verstehen. Das so verstandene Grundanliegen des Aufrufs „Gegen linke Bewusstlosigkeit – für einen konsequenten Antifaschismus“ (Herbst 2010) soll damit aufgegriffen werden und wurde im Interesse an theoretischer Weiterentwicklung (und Bewusstseinsbildung) hier formuliert. In anfänglicher Auseinandersetzung mit der komplexen Thematik „Islamismus“ haben wir z.T. widersprüchliche Positionen entwickelt, die ebenso offen kritisiert werden sollen wie es der folgende Text beansprucht. Mit dem Versuch wichtige Kritikpunkte herauszustellen und argumentativ zu untermauern werden zugleich von den Frankfurter Genoss_innen erwähnte Positionen ergänzt. Positiv herauszustellen ist zunächst, dass die Thematisierung und kritische Positionierung grundsätzlich förderlich ist, z.B. in dem Kritik an unemanzipatorischen Aspekten des Islamismus geübt wird. Der Text selbst wurde aber zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt veröffentlicht.

Weltweit bedrohte Linke? Das seh’ ich erst wenn ich’s glaub…

So wie der Begriff und das Verständnis „links“ zu sein nicht unmittelbar auf globale, vermeintlich emanzipatorische Widerstandsbewegungen verallgemeinert werden kann, ist die Imagination einer „weltweiten, (…) rechtsradikale(n) Bewegung“ und die Konstruktion eines Bedrohungsszenarios eher anschlussfähig an Verschwörungstheorien anstatt für eine fundierte Kritik am Islamismus geeignet. Die Globalität dieser als feindlich identifizierten „Bedrohung“ ist nicht gegeben, das Gegenteil zu behaupten zeugt von einem eurozentristischen Weltbild, in dem „westliche“ Begriffe (links, rechtsradikal) herangezogen werden, um Komplexität zu reduzieren, die eigene Identität zu stärken und sich einer beschränkten Sichtweise anzunehmen, die eher durch die eigenen lokalen Diskurse und Konflikte geprägt ist als durch eine tiefergehende Analyse. Diese muss einer emanzipatorischen Kritik vorausgesetzt sein, um ihrem eigenen Anspruch zu genügen. So lässt der Text „Gegen linke Bewusstlosigkeit“ eine Definition von „dem“ Islamismus vermissen. Das Unvermögen diesen auf einen annähernden Begriff zu bringen, läuft Gefahr an die medial vermittelten und oft verkürzten Vorstellungen anzuknüpfen. Der Diskurs um islamistische, radikale Gewalt wird verwaschen, weil sich jede_r schon ein Bild davon gemacht hat, was mit „Islamismus“ gemeint sein könnte. Diese Erklärungsnot ist somit bereits Ausdruck einer tatsächlichen linken Bewusstlosigkeit. Was in dem Text als verkürzt und undifferenziert dargestellt wird sind etwa die Forderung nach einer „pauschale(n) Kritik aller Religionen“, die behauptete Existenz eines linken Problembewusstseins für christlichen Fundamentalismus oder die Reduktion der US-Außenpolitik auf bloße Standortinteressen.

“Diese unsere so vollkommene Demokratie stellt sich selber ihren unvorstellbaren Feind her, den Terrorismus. Sie will nämlich lieber, daß man sie nach ihren Feinden und weniger nach ihren Ergebnissen beurteilt. Die Geschichte des Terrorismus wird vom Staat geschrieben” (Debord, G.: Die Gesellschaft des Spektakels. Berlin 1996, S.215)

Der Koran ist nicht Mein Kampf

Auch die Bezeichnung islamistischer Bewegungen als per se rechtsradikal zeugt von einer undifferenzierten Auseinandersetzung mit beiden Begriffen – Islamismus und Rechtsradikalismus. Letzterer ist gekennzeichnet durch einen ausgeprägten Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit, welche nicht zur grundlegenden Programmatik islamistischer Ideologien gehören. In Bezug auf Nationalismus finden sich widersprüchliche Ansichten, so ist der territoriale Kampf der Palästinenser_innen ein vornehmlich nationalistischer, in dem Islamist_innen, Christ_innen, genauso wie atheistische Aktivist_innen (z.B. die Linke-Parteimitglieder) gemeinsam teilhaben und deren antisemitisch motivierte Kooperation gegen Israel verurteilt werden muss. Eine einseitige Konzentration des Blickes auf die Probleme im Nahen Osten stellen wir in Frage, solange Linke die Augen verschließen vor gleichsam komplexen und grausamen Konflikten auf der Welt. Eine emanzipatorische Kritik muss dabei notwendigerweise auch antimilitaristisch und antikapitalistisch sein.

In Bezug auf den Nationalismus verhält es sich beispielsweise mit dem Al Qaida – Netzwerk anders als mit rechtsradikalen Gruppierungen, da Al Qaida radikal islamistische Organisationen vereint und vor allem international agiert. Ihre Anschlagsziele sind in erster Linie Symbole des „Westen“, da es ihnen vor allem um vermeintlich „islamische“ Interessen, weniger um „arabische“ Interessen geht. Die Biografien der Attentäter vom 11. September 2001 zeigen, dass viele von ihnen in westlichen Ländern lebten, studierten, heirateten und auch dort radikale, z.T. konvertierte Gläubige wurden. Sie können als Beispiel gelten, dass die ursprüngliche Motivation sich zu einem radikalen und politischen Fundamentalisten zu entwickeln vielmehr auch mit „westlichen“ Gesellschaften zu tun hat als nur mit der Religion des Islam. Wie andere militante islamistische Gruppierungen (GIA, Jemaah Islamiah, Taliban) ist Al Qaida international orientiert und kämpft somit nicht wie Palästinenser_innen innerhalb einer nationalistischen Bewegung.

Die Subsumierung des Islamismus unter den Begriff des Rechtsradikalismus ist schon deshalb unangemessen, betrachtet mensch die internationale extreme Rechte, die es sich spätestens seit dem 11. September 2001 zum Ziel gesetzt hat die vermeintliche “Islamisierung” Europas zu bekämpfen und in ihrem Feinbild vom Islam eben keine Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus trifft. Diese antimuslimische Bewegung, gemeint ist u.a. die Bürgerbewegung Pax Europa, ist zudem solidarisch mit Israel und den USA, sodass (wenn überhaupt) hier von einem Rechtsradikalismus gesprochen werden kann, der auch ohne Antisemitismus auskommt und deshalb leider anschlussfähig ist an bürgerliche und hardcore-antideutsche Positionen. Dennoch sollte in der linken Praxis der Hauptangriffspunkt gegen neue Parteien wie “Die Freiheit” und “Pro Berlin” ihr antimuslimischer Rassismus sein, da dieser schon lange keine extreme Randposition mehr ist. Dass diese Parteien sich in Abgrenzung zum Nationalsozialismus sehen zeigt gerade die Wandelbarkeit rassistischer Ideologie.

Fundamentalismus & Islamismus – der Versuch einer Definition

Die Utopie eines islamischen Staates wurde von Fundamentalist_innen weitgehend aufgegeben zugunsten einer universellen Umma, als abstrakte Glaubensgemeinschaft aller Muslime weltweit, in der die Scharia, das islamische Recht, durchgesetzt wird bzw. werden soll. Dass der Glaube an die abstrakte Gemeinschaft regen Zulauf erhält, macht ihn noch lange nicht radikal bzw. politisch. Radikal-militante, fundamentalistische Gruppen sind ein Randphänomen und ihre Gewalt findet auch unter Muslim_innen wenig Zuspruch. Nicht desto trotz werden Muslim_innen in den Augen von Rassist_innen gleichgesetzt: jede_r irgendwie „muslimisch“, „islamisch“, „arabisch“ oder „schwarz“ aussehende Mensch unter Generalverdacht gestellt und die Religion des Islam pauschal kriminalisiert, als sei der Koran das neue „Mein Kampf“.

Die Sympathisant_innen von islamistischen Anschlägen z. B. gegen die USA und Israel finden sich auch in der linken Antiglobalisierungsbewegung, durch ideologische Überschneidungen in Bezug auf Antiamerikanismus, Judenhass und andere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Islamismus kann in diesem Kontext als islamischer, politischer Fundamentalismus beschrieben werden, dessen Zielsetzung die Gründung eines islamischen Staates auf politischem Wege beinhaltet. Der Islam ist aus Sicht von Islamist_innen vielmehr politische Ideologie als Religion. Fundamentalist_innen hingegen, die sich religiös erneuern, sind auf der Suche nach einer „reinen“ Religion, die sich ablöst von territorialer und „verderblicher“ kultureller Anbindung. Der Wunsch nach religiöser Universalität verbleibt dabei als Bestandteil religiöser Praxis. Im Wandel des Verhältnisses zwischen Individuum und Gesellschaft zeigt sich die Modernität des Islam: entscheidend ist nicht die Religion, sondern vielmehr die Religiosität, d.h. der individuelle Glaube. Der Islam modernisiert sich in verschiedenen Formen, Radikalismus ist nur eine davon.

Die Befürwortung von Multikulturalität kann in diesem Zusammenhang als genauso unemanzipatorisch gewertet werden (ohne die Anliegen gleichmachen zu wollen), wie rassistische Ausgrenzung aufgrund von Herkunft. Aus einer kulturalistischen Sichtweise wird ein kultureller Wertekonsens unterstellt, der historische Konflikte und Kriege negiert. So ebnet die Vorstellung unterschiedlicher „Kulturen“ bestehende Gemeinsamkeiten ein und in Bezug auf den Islam wird die Religion viel zu oft auf eine homogen vorgestellte Kultur reduziert, als abgeschlossener Bestand von Werten, Glaubenssätzen und anthropologischen Mustern mit einer gemeinsamen Geschichte auf gleichem Territorium. Durch die undifferenzierte Vermischung von „muslimischer“ bzw. „islamischer“ Kultur und dem Islam als Religion, werden Stereotype reproduziert, indem Probleme muslimischer Staaten vor allem in den Begriffen des Islams erklärt werden. Ebenso finden sich kulturalistische Klischees in der Gleichsetzung von Islam und Nahem Osten, obwohl die meisten Muslime in Süd- und Südostasien leben und nicht jeder Mensch, der dort lebt, gleichzeitig Muslim_in ist.

Die Frage nach dem Verhältnis von Rassismus und Islamismus ist dabei nicht unbedingt eine, die den Gegensatz sucht, vielmehr bedingen sich beide Phänomene. Der bürgerliche Antiislamismus scheint oft eine willkommene Rechtfertigung für eine grundsätzlich fremdenfeindliche Gesinnung zu sein, die sich durch Standortnationalismus und „schwarz-rot-goldenen“ Identitätschauvinismus verstärkt bzw. ausgedrückt. Die antimuslimischen Einstellungen in weiten Teilen der deutschen Bevölkerung sind vornehmlich rassistisch und nicht antireligiös, zumal es in der “Integrationsdebatte” nicht nur um Muslime geht, sondern die Bürger_innen ihren Sozialchauvinismus und Rassismus auch in Bezug auf andere gesellschaftliche Gruppierungen zeigen.

Judith Butler reloaded

Butler beschreibt Hamas und Hizbollah als Bewegung, die sich gegen Kolonialismus und Imperialismus wenden – in sofern seien sie Teil einer globalen (antiimperialistischen) Linken bzw. eines globalen Kampfes gegen den Imperialismus. Es geht ihr gerade nur um diesen Aspekt, den sie für unterstützenswert erachtet im Gegensatz etwa zu den homophoben und antisemitischen Positionen innerhalb der islamistischen Gruppen Hamas und Hizbollah. Ob hier aber (wie von ihr getan) so einfach getrennt werden kann zwischen emanzipatorischen und antiemanzipatorischen Elementen innerhalb jener Gruppierungen, zweifeln wir an. (Strukturell) Antisemitische Positionen bzw. überhaupt gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit gibt es aber nicht nur in islamistischen Gruppen und gerade deswegen warnt Judith Butler vor einer “Alleinschuldigkeit” jener.

Vom Kapitalismus reden

Es ist wichtig, das erwähnte Schwarz-Weiß-Denken in Bezug auf die Aufteilung in “schlechte Unterdrücker_innen” und “gute Unterdrückte” zu kritisieren, jedoch darf durch eine gänzliche Ablehnung nicht ein real existierendes Unterdrückungsverhältnis negiert werden. Der Kapitalismus basiert auf Ausbeutung und befördert damit vielfältige Formen von Unterdrückung. Dieser Umstand wird jedoch meist personalisiert und damit die bestehenden strukturellen Zusammenhänge ausgeblendet. Fight the game,not the players!

Im Text “Gegen linke Bewusstlosigkeit” wird behauptet: Antifaschismus sei – in sofern nämlich, dass er einen rechtsradikalen Rückfall hinter die Verhältnisse und in die Barbarei verhindern will -, etwas anderes als der Kampf für eine befreite Gesellschaft und nur noch der Kampf sich diese Perspektive von Faschist_innen nicht verstellen zu lassen. Ein Antifaschismusbegriff, der die Entwicklung einer eigenen emanzipatorischen Perspektive nicht mit dem Kampf für eine befreite Gesellschaft zusammen denkt, sondern im Kampf gegen Rechtsradikalismus innerhalb der bestehenden Zustände verbleibt, läuft Gefahr systemaffirmativ den kapitalistischen Normalbetrieb aufrechtzuerhalten. Schon Horkheimer und Adorno haben auf den alltäglichen Zusammenhang zwischen kapitalistischer Produktionsweise und Faschismus aufmerksam gemacht. In einer konkurrenzbasierten Gesellschaft existieren sozialdarwinistische Zustände und diese Strukturen tragen schon den Keim des Faschismus in sich.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Re-Thinking Marx. Philosophy, Critique, Practice

International Conference 20.-22.Mai 2011 Humboldt Universität zu Berlin
http://www.rethinking-marx.de/

Zitat der Woche

Juliettes Kritik ist zwiespältig wie die Aufklärung selbst. Sofern die frevelnde Zerstörung des Tabus, die einmal der bürgerlichen Revolution sich verband, nicht zu neuen Realitätsgerechtigkeit geworden ist, lebt sie mit der sublimen Liebe zusammen fort als Treue zu nahe gerückten Utopie, die den physischen Genuß für alle freigibt. Adorno/Horkheimer: Dialektik der Aufklärung, 117